Spurenbilder - Der gewaltsame Tod
// Almut Andreae
in Der Tagesspiegel
Ähnliche Wirkungen, Brandenburgischer Kunstverein Potsdam, 2006


Mit der Ausstellung Ähnliche Wirkungen der Künstlerin Heidi Sill hat der Brandenburgische Kunstverein die zweite Runde seiner Ausstellungstrilogie Art + Science: Modell und Imagination eingeläutet. Was vermag die Kunst anders als die Wissenschaft? Diese Frage ordnet sich in das Konzept unmittelbar ein. Die Herausforderung des dreiteiligen Austauschprojektes zwischen Kunst und Wissenschaft besteht darin, die jeweils eigenen Sichtweisen und Darstellungsmöglichkeiten innerhalb des Ausstellungsrahmens gegenüber zu stellen.

Das übergeordnete Thema der zweiten Ausstellung operiert hart am Tabu. Im Mittelpunkt der künstlerischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung steht der gewaltsame Tod. Schreckensszenarien, die sich unweigerlich assoziativ einstellen, wird man in der Ausstellung aber nicht finden. Weder auf Sensationsbilder noch auf Skandalstorys trifft man im Klarheit verströmenden Ausstellungsraum, sondern auf eine ganz eigenartige Frequenz der Ruhe, Stille, des Schweigens. Ein Ort wird zum Besinnungsraum.

Großformatige Tuschezeichnungen, 13 an der Zahl, ziehen sich wie ein stummer Reigen an zwei Wänden entlang. Blatt für Blatt ein gesichtsloses Porträt ohne Augen, Nase, Ohren. Stattdessen: feinnervige Verästelungen und Verschlingungen der spurensuchenden Tuschefeder. Das Gesichtsoval ist stets eingefasst von einem Haarkranz, der flirrend und lodernd wie ein Nimbus erstrahlt. Verdichtungen, wo sich die schwarzen Tintespuren vielfach übereinander gelegt haben, lösen sich mit Transparenz und hellen Aussparungen ab.

Trotz der starken Verwandtschaft dieser gesichtslosen Menschenbilder trägt jedes für sich seine ganz individuellen Züge. skins hat die Künstlerin diese hintergründigen Bildnisse genannt. Diese Häutungs-Bilder offenbaren so etwas wie die ästhetische Essenz von einem langen Prozess. Am Anfang steht eine fotografische Vorlage, in diesem konkreten Fall Dokumentationsmaterial von Tatopfern, wie es von der Gerichtsmedizin zur Beweissicherung und zu Forschungszwecken verwendet wird. Das zuvor vollständig anonymisierte Material hat Heidi Sill so bearbeitet, dass sie für eine einzige Zeichnung aus sicherlich 30 Fotografien Umrisse und andere markante Linien übereinander projiziert. Unabhängig von der individuellen Physiognomie und dem Zustand der einzelnen Tatopfer entsteht als Substrat dieses Prozesses eine übereinstimmende Morphologie. Was Heidi Sill dabei ganz besonders fasziniert, ist, wie aus dem belastenden Ausgangsmaterial schließlich ein ganz neues Bild entsteht: über den Weg der Tuschezeichnung hat die Künstlerin Grauen und Gewalt in eine sublime Ästhetik überführt.

Ein für alle Akteure des Ausstellungsprojekts absolut verblüffendes Ergebnis ist, dass die Künstlerin und die Rechtsmedizin, vertreten durch Mitarbeiter vom Brandenburgischen Landesinstitut für Rechtsmedizin, mit durchaus vergleichbaren Methoden arbeiten. Durch das Akkumulieren und Vergleichen immerwiederkehrender Strukturen zeichnen sie charakteristische Merkmale von Gewalteinwirkung am Menschen in typologischen Musterbildern nach. Damit treten beide, Künstlerin wie Rechtsmediziner, in Bezug auf die Suche nach ähnlichen Wirkungen auf ihre Weise eine Beweisführung an. Die Motivation dafür ist naturgemäß eine ganz andere und die Kunst – anders als die Wissenschaft – von ihrem Wesen her auch nicht zweckorientiert.

Was Heidi Sill und die Rechtsmediziner in ihrer Auseinandersetzung mit dem gewaltsamen Tod vor allem voneinander unterscheidet, ist, was von diesem Prozess als Resultat übrig bleibt. Die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler werden in der gebotenen Sachlichkeit in nüchternen Schaubildern extrapoliert. Objektivität trifft auf Subjektivität: Heidi Sills sinnliche Spurenbilder geben den Toten ihre Würde wieder und holen sie aus dem Tabu in unser wirkliches Leben zurück.