HANDLESE – ÜBER HEIDI SILLS NETZWERKE
// Christoph Engemann
in under my skin
Hrsg. kunst galerie fürth, 2020


Algorithmen allerorten. Kaum eine Formel entwickelt mehr Bannkraft als jene ständig bemühte "Macht der Algorithmen". Jeden Lebensbereich sollen sie erfassen, über große wie subtile Dinge entscheiden, ohne dass diese Entscheidungen nachvollziehbar wären. Denn ob diese Entscheidungen von Zufällen abhängen, Mustern folgen, oder von einer bestechenden, wenn auch komplexen Kausalität sind, ist keine einfach zu beantwortende Frage. Vielmehr bleiben Algorithmen Beobachtern gegenüber oft opak und es ist diese Intransparenz, die die Beunruhigung ihnen gegenüber speist. Man kann Algorithmen nicht beim Arbeiten zusehen und selbst da, wo man das kann, ist nicht immer vorhersehbar, wann sie zum Halten kommen und ihr Ergebnis präsentieren.

So strittig die Frage der Definition von Algorithmen ist, so lassen sich dennoch eine Reihe von essentiellen Eigenschaften beschreiben: Es handelt sich um eine endliche Anzahl von Handlungsanweisungen, deren Art und Reihenfolge festgelegt werden, und deren Durchführung zu einem bestimmten Ergebnis führen sollen. Ein solcher Prozess einfacher, eindeutiger und zu wiederholender Handlungsanweisungen kann auf analogen oder digitalen Maschinen oder auch auf Menschen zum Laufen gebracht werden.

Heidi Sills Zeichnungen aus der Serie Netzwerk gehorchen einer solchen Anordnung. Ihr Algorithmus besteht aus drei Anweisungen. Die erste Anweisung lautet, nimm einen Stift und zeichne eine Linie von einem Ende des Blattes zum anderen. Die zweite Anweisung lautet, wiederhole den Vorgang so nah wie möglich an der vorherigen Linie, ohne diese zu berühren. Es ist ein immer wieder neues Anfangen, ein immer wieder sich selbst entlang der letzten Linie Verfolgen. Die dritte Anweisung schließlich lautet darauf, am Ende angekommen, das Blatt um 90° zu rotieren und wieder mit der ersten Anweisung anzufangen.

Aus diesen einfachen Regeln entstehen Bilder, deren menschliche Provenienz auf den ersten Blick nicht eindeutig ist. Heidi Sills Bilder könnten auch computergenerierte Bilder sein, Beispiele für Algorithmen, die Netze erzeugen sollen, oder auch für solche, die Hautoboberflächen simulieren. Welche dann in Hollywoodfilmen oder Computerspielen als Texturen genannte Schichten die animierten Figuren überziehen. Es ist dieses Wiedererkennen der Arbeitsweise eines Computers in den Bildern einer Künstlerin, das die Kraft und Beunruhigung dieser Bilder ausmacht. Man weiß nicht was verschwunden ist, die Hand oder die Fläche, aber die Reminiszenzen an die Haut der Handinnenfläche sind sowohl in der mikroskopischen wie der distanzierten Betrachtung offenkundig.

Die Hand ist die Schaltstelle zwischen Natürlichem und Künstlichem, und es ist die Hand in ihrer eigenen Beschaffenheit, die in Heidi Sills Arbeiten in den Vordergrund rückt. Anders als in den prähistorischen Höhlenmalereien, in denen die Handumrisse in die Fläche gepresst wurden, um die Hand sicht- und erfahrbar zu machen, wird die Fläche hier vollständig okkupiert.

Jeder Punkt der Fläche ist mit der Hand in Berührung gekommen, hat einen Moment ihrer Passage erfahren. Zugleich ist es für den Betrachter nicht nachvollziehbar, wo der Anfang und das Ende dieses Prozesses gelegen haben. Die Bilder verdecken den singulären Akt der Markierung, des Präsenznachweises, dem ein Handabdruck eigen ist. Sie stellen stattdessen eine Temporalität des Abtastens und Einschreibens aus, die von Bild zu Bild, mit jeder erneuten Anwendung der Handlungsanweisungen weiterläuft.

Was dem Betrachter entgegentritt, gleicht menschlichen Handinnenflächen, gleicht den zerklüfteten Flächen der Greiforgane, die mit der Welt in Kontakt treten. Ob die Linien und Furchen von Händen Resultat ihrer mechanischen Stauchungen und Faltungen beim Greifen sind, einen genetischen Ursprung haben oder sich als Zeichen des Schicksals lesen lassen, ob sie also Resultate von Zufällen oder eine, wie auch immer gelagerte Kausalität sind, ist eine die Menschen beschäftigende, offene Frage.

Was aber Computer hervorbringen, ist ein Bereich zwischen Zufall und Kausalität, der den Namen Komplexität bekommen hat. Algorithmen, zumal wenn sie viele Male wiederholt werden und ihnen eine Spur Zufall mitgegeben wird, zeigen Ergebnisse, die paradoxerweise zugleich unübersichtlich wie selbstähnlich sind. Es ist der Vergleich zwischen vielen Ergebnissen, der diese Selbstähnlichkeit sichtbar macht, während das einzelne Ergebnis auch bei genauer Analyse seine Determinanten sperren mag, unübersichtlich bleibt und als Zeugnis der Opazität des Algorithmus dient.

Wie aber kommt der Zufall in den Computer? Eigentlich gar nicht, denn Computer kennen keinen Zufall, sie kennen nur ihre Handlungsanweisungen und deren Reihenfolge, die sie abarbeiten. Ein Programm, einmal geschrieben und mit denselben Daten versehen, kommt immer zum selben Ergebnis. Der Zufall muss von außen kommen, entweder durch Schnittstellen zur Welt, Sensoren, Tastaturen, Mäuse und andere Instrumente, die aus dem verrauschten Außen Zufälle an das Programm übergeben. In der Geschichte des Computers war die Implementierung des Zufalls ein nicht triviales Problem. Von Geigerzählern bis hin zum Auslesen des thermischen Rauschens von Kühlkörpern reichen die Versuche, den Zufall quasi in die Maschine zu bringen. Es ist diese Begegnung zwischen Programmdetermination und der der Welt entlehnten Stochastik, mit der Computer die Welt um die Komplexität bereichert haben.

Was in Heidi Sills Netzwerken entstanden ist, lässt sich weder auf klar und erschöpfend zu beschreibende Kausalitäten zurückführen, noch ist es lediglich Produkt von Zufällen. Es ist vielmehr ein unerschöpfliches Werk von Ursachen und Wirkungen. Wer vermöchte und wie wäre zu bestimmen, warum an einer bestimmten Stelle eine Ausbuchtung entstanden ist? Lag es an einer Unebenheit des Untergrunds, an einer veränderten Faserlage des Papiers, an einem ablenkenden Geräusch, an einem Zittern oder einem Ausatmen? Es ist unklar, was in den Netzwerk-Bildern Figur und was Grund ist.

Es ist als würde sich die Hand auf sich wenden, sich selbst betrachten und beobachten und ausstellen, wie sie handelt und Handlungsanweisungen verfolgt. Was zu sehen ist, gleicht einer Hand unter der Lupe, und zugleich sind die Zeit und der Raum, die sich Hände genommen haben, sichtbar. Es ist die ganze Fläche, die die zeichnende Hand sich genommen hat, und es ist genau diese Zeit, die dieser Prozess gedauert hat. Eben die Zeit, die es braucht, um ein Blatt zu füllen.

Während in prähistorischen Situationen ein Handabdruck eine noch vollkommen unbeschriebene Welt markierte, ist die Welt inzwischen vollkommen überschrieben. Buchstäblich jede Stelle ist schon einmal berührt, markiert und damit auch angesehen worden. Die Welt ist zu einem Netzwerk aus Handarbeiten geworden und es gibt eigentlich keine weißen Flecken mehr. Stattdessen wird immer und überall weitergeschrieben. Immer wieder wird weiter entlang und in den Spuren des schon Geschriebenen gehandelt. Immer wieder wird das schon Geschriebene durchkreuzt. Der Anthropozän-Diskurs ist eine Verhandlungsform dieses Status quo und legt zugleich kaum Rechenschaft darüber ab, dass es Algorithmen sind, die sowohl die Lesbarkeit dieser Situation behaupten, die sie überhaupt erst hervorbringen. Es ist aber ein Diskurs, der die Welt in einem emphatischen Sinne als Ganzheit auf den Menschen und sein Handeln zurückführt. Wo gehandelt wurde, muss gehandelt werden. Welchen Spuren allerdings dabei zu folgen ist, welche verlassen werden müssen, welche durchkreuzt werden müssen, bleibt unklar. Heidi Sills Arbeiten, und das gilt ebenso für die Haarinstallationen und Collagen, erlauben keine Rückkehr zu archaischen, vermeintlich ungespurten, unmarkierten Situationen von klaren Anfängen, Schichtungen und linear ablesbaren Ursache-Wirkungsrelationen. Vielmehr werfen sie den archaisierenden Blick zurück und verstricken ihn in die temporalen Paradoxien einer radikal post-primitiven Welt.