Zarte Linien und sanfter Grusel
- Heidi Sill in der Galerie Sima, Nürnberg

// Constanze Hofmann
in Gallerytalk.net - Onlinemagazin für zeitgenössische Kunst, 2013


In die private Atmosphäre der Galerie Sima hat die gebürtige Fürtherin Heidi Sill einige Stücke aus verschiedenen Werkserien auf interessante Weise eingegliedert. Unter dem Titel „My Palimpsest“ vereint sie Arbeiten, die ihren gemeinsamen Schnittpunkt in der Bearbeitung der Oberflächen haben.

Als Palimpseste klar zu erkennen sind die Cuts, die eine kleinformatige Serie bilden. Ihre Schichten entstammen Mode- und Lifestylemagazinen, die sich zu neuen, traumartigen Szenen zusammenfügen. Sterile, blutleere Produktfotografien werden ausgeschnitten und bilden als Collage mit den darunterliegenden Lagen neue Räume, Figuren und surreale Begebenheiten.

Die Collage „cut#66“ sticht hervor. Ein Saal mit ionischen Säulen, der sich mit vorteilhaft drapierten Frauenfiguren in exquisiter Kleidung schmückt. Die Sicht aus dem bodentiefen Fenster scheint einen Weltbrand zu verheißen, während eine diagonale Reihe ausgeschnittener Fliesen den Blick auf wasserreiche Natur darunter frei gibt.

Im Hintergrund haben zwei Blondinen in eleganter Abendgarderobe eine lebhafte Auseinandersetzung: ihre Oberarme wirken nackt und obszön im Gegensatz zur Produktperformance der Models im Vordergrund. Ihre Bestimmung, dem Konsumenten die Kleidung gefällig erscheinen zu lassen verfehlt ihr Ziel, denn ihre Körper fließen ineinander und verwischen die Grenzen der persönlichen Konturen der Einzelnen. Heidi Sill hat sie gewählt, drapiert und angezogen, ihre Kleidung besteht aus den Teilen sich überlagernder Fotorealitäten verschiedener Marken und strahlt die Fragmente von Werbesprüchen ab. Die Ausschnitte drängen dem Betrachter die Frage nach Labeln, Trendfarben und markentypischen Mustern in den Kopf. Hier dominieren in der Kollektion Heidi Sills Rot, Pink, Weiß und Schwarz, mit denen fließende Akzente gesetzt werden. Kontrastierend dazu lassen Muster in grün und braun die Trägerin mit dem Hintergrund verschmelzen. Es entsteht ein unentwirrbares Geflecht aus Körpern und Formen, hohlen Bildbearbeitungsopfern und Heidi Sills Gespür für Atmosphäre und Ironie.

Auffällig unauffällig ist im Hintergrund der noblen Fotolocation die Statue auf dem Sockel. Sie ist der Blickfang der Szene, denn sie wirkt den übrigen Bildelementen gegenüber erhaben. Die Identität des Mannes, der seinem Heimatort ein Denkmal  wert war, ist unbekannt. Und dennoch: Kontrapost und Zeigegestus verweisen auf eine Gelehrten und beleben den Marmor. In der Realität der Modewelt ist er Attribut einer malerischen Piazza, die den Hintergrund für eine Fotoshooting bildet und scheint der einzige Fixpunkt, der dem Betrachter Orientierung gibt. Die einzige Persönlichkeit unter surrealen Körpern.

Nebenan hängt ein Puppenbündel namens „AEHHIMMPS _(9F)“ von der Decke. Nackte Stoffkörper mit geschundenen Porzellangesichtern bilden ein Knäul kleiner weißer Gliedmaßen. Ihre Gesichter, deren Augenhöhlen oft leer und deren Haare roh geschnitten wurde, sind bemalt. Rote und schwarze Muster ziehen Linien auf den toten Zügen. Kindlicher Verzierungswut und wilde Tätowierungen mischen sich auf den Puppengesichtern zu verstörenden Linien, von denen einige als Muster, andere als Verletzungen erkannt werden können.

In bester Nachbarschaft befindet sich das „model#47“. Auf über drei Quadratmetern schläft eine nackte junge Frau auf weißem Satin, ihr ganzer Körper ist rot besudelt. Ein Auftragsmord? Eher eine aufwendiger Fotoarbeit, mit der Heidi Sill den Betrachter aus der Reserve locken will. Das Motiv wurde aus einem Magazin abfotografiert und mit Nagellack behandelt. Kitschig und schon gefühlte hundert Mal gesehen auf den Werbebildern eines großen schwedischen Modelabels schläft die passive pastellfarbene Schönheit dem farblosen Kältetod entgegen. Die knallige Farbattacke bedeckt die wenig sublime Sexualität, die in dem Plakat steckt und haucht dem Werk durch den roten Angriff Leben ein.

Sill hat sich in der Vergangenheit mit beschädigten Gesichtern beschäftigt. In „Evelyn“ und „Carolee“ wirken ihre zeichnerischen Betrachtungen zur menschlichen Mimik fort. Zarte Tuschelinien formen Muskulatur, Mimik, Haare und Haut, die sich zu einem Gesicht zusammensetzen. Doch während „Evelyn“ mit floralem Blumenschmuck wie eine antike Göttin wirkt, wachsen ihrer Antipodin „Carolee“ Hörner aus der Stirn.

Heidi Sills „My Palimpsest“ speist sich aus der Alltagswelt, die sie verarbeitet, umformt, verfremdet und kulturkritisch aufbereitet. Der Begriff Palimpsest bezieht sich ursprünglich auf Schriftrollen, deren Zeichen ausgelöscht und überschrieben werden. Durch die Schichten, die dadurch entstehen, scheinen dennoch durch die oberste Schicht. Die Schichten die Sills Werke durchwirken, setzen bekannte Muster, Formen und Motive neuen Umgebungen aus, deren Oberflächen traumhaft-farbig und tiefgründig zugleich wirken.

Sills Ästhetik ist nicht leicht zu durchschauen, denn ihre Werke sind „vielschichtig“ und entziehen sich dem unreflektierten Bilderkonsumenten. Wer sich jedoch mit ihnen auseinandersetzt, gewinnt Einblick in eine Bilderwelt, in der Schönheit und Verletzung unauflösbar verbunden sind.