BRUCE SILL
// Nicola Kuhn
Vortrag zur Ausstellung von Laura Bruce und Heidi Sill
Kunsthaus Erfurt, 2015


Fangen wir einfach mit dem an, was uns alle als erstes erreicht hat: mit der Einladungskarte. Schwarz auf Weiß und Weiß auf Schwarz stehen da in Druckbuchstaben gezeichnet zwei Namen: Bruce und Sill. Das hat Schlagkraft, ist einsilbig, besitzt eine Dynamik. Hier kommen zwei zusammen, die einander ergänzen, die passen. [...] Und doch gibt es hier zwei höchst unterschiedliche künstlerische Temperamente. Laura Bruce ist die Erzählerin, Heidi Sill die Analytikerin. Umso besser passen sie zusammen.

[...] Höchst individuelle Pfade legt auch Heidi Sill aus, wenn sie einfache Linien, eine neben der anderen, mit schwarzer Tusche über ein 100 mal 70 Zentimeter großes Blatt zieht. In Serien arbeiten übrigens beide Künstlerinnen. Irgendwann schleicht sich ein Fehler, ein kleines Verruckeln ein, das Folgen hat quer über das ganze Blatt. Auf diese Weise entsteht ein bewegtes Feld, das sich in dem Moment zum Netz verdichtet, in dem die Künstlerin waagerecht die nächsten Linien darüber legt. Auch hier ist keine Linie akkurat. Durch die jeweils individuelle Note entsteht eine organische Struktur von geradezu haptischer Qualität, Dreidimensionalität stellt sich ein. Auf diese Weise ist jedes Blatt von größter Unterschiedlichkeit, keins gleicht dem anderen. Die kühle Abstraktion gewinnt eine Lebendigkeit, die gerade, nüchterne Linie die Unmittelbarkeit einer Handschrift.

Diese intellektuelle Klarheit gepaart mit großer Emphase scheint mir typisch für Heidi Sills Schaffen zu sein. Ihr wichtigstes Reservoir für viele Arbeiten sind Mode- und Lifestyle-Magazine, aus denen sie sich für ihre Collagen bedient. Heidi Sill durchschaut genau die Mechanismen der Inszenierung in diesen Magazinen. In ihren "Cuts" legt sie diverse Schichten aus den unterschiedlichsten Fotostrecken übereinander, die sie zuvor mit einem Skalpell herausgetrennt hat. Sie steigert auf diese Weise Gesten und Gesichter der Models ins Groteske. Die illustren Settings erscheinen wie makabre Bühnen. Die Methode der Collage, der Zusammenprall verschiedener Wirklichkeiten wurde im Wesentlichen von den Surrealisten entwickelt, um das Unbewusste an die Oberfläche zu befördern. Heidi Sill zeigt hier eine monströse Seite der Modewelt auf, ohne sie zu verraten. Ihre Collagen profitieren noch immer vom Glamour des Milieus. Die Szenarien spielen in einer Traumwelt, an einem nicht eindeutig auszumachenden Ort. Welches Stück hier gegeben wird, bleibt ebenso im Ungefähren – ob es nun gut oder schlecht ist.

Mit ihrer Methode schaut die Künstlerin sozusagen unter die Oberfläche, sie seziert mit ihrem Skalpell das Ambiente ebenso wie die Protagonisten. In gewisser Weise beschreibt das auch Heidi Sills Vorgehen bei ihren drei großformatigen Porträts. Den drei Frauen scheint die Haut abgenommen, Muskelstränge im Gesicht sind freigelegt. Die Künstlerin will unter die schützenden Schichten schauen, um am Ende doch noch nur Strukturen vorzuführen. Hier allerdings geht es ihr auch um die Dargestellten selbst. Es sind drei starke Persönlichkeiten, von denen Heidi Sill sich angesprochen fühlt. Sie reizt das Brüchige in ihren Lebensläufen, ihr Spiel mit dem Weiblichen. Das ist eine Hannah Wilke, eine amerikanische Performerin, die bei ihren Auftritten ab den siebziger Jahren ihren eigenen Körper einsetzte. Dabei benutzte sie etwa auch Kaugummis, mit denen sie ihr Gesicht beklebte, oder Lockenwickler. Daher auch die rundlichen Formen in ihrem Haar auf dem Bild von Heidi Sill. Die zweite porträtierte Person ist Carolee Schneemann, die ebenfalls in den sechziger und siebziger Jahren mit ihren feministischen Performances bekannt wurde. Auch sie setzte offensiv ihren Körper ein, drapierte sich etwa mit Hörnern und Schlangen. Die dritte Person machte ihr Leben selbst sozusagen zum Kunstwerk durch ihren exzessiven Lebensstil. Evelyn Nesbit war Broadway-Tänzerin und um die Jahrhundertwende eine Berühmtheit der amerikanischen Bohème, die schließlich in einen Mord um ihren ehemaligen Geliebten, den Architekten Stanford White, verwickelt wurde und später verarmt starb. Wir haben es hier also mit drei charakterstarken Figuren zu tun, denen Heidi Sill auf ihre Art ein Denkmal setzt. Alle Drei erscheinen zugleich schutzlos als auch formal gefestigt, es sind gezeichnete Skulpturen. Alle Drei waren Darstellerinnen ihrer selbst und haben dies – ob in der Kunst oder der Halbwelt – bis zur äußersten Konsequenz durchexerziert. Hannah Wilke lebte ihre schwere Krebserkrankung, Evelyn Nesbit ihre Drogensucht öffentlich aus.

Womit wir zum vierten Beitrag von Heidi Sill kommen, ihrem Vorhang, der den französischen Titel "Rideau" trägt. Darin finden sich Bezugspunkte zu den vorherigen Arbeiten – die netzartige Struktur, der Bühnenmoment, das geheimnisvolle Dahinter, die Offenbarung. Für eine echte Bühne wäre dieser Vorhang viel zu groß: ein Patchwork aus Gardinen, welche die Künstlerin auf diversen Flohmärkten erstand. Dieser Vorhang dehnt sich in den Raum hinein und gewinnt dadurch ebenfalls eine skulpturale Qualität. Es gibt also kein Geheimnis zu lüften, die Antwort findet sich im Objekt selbst. Während Heidi Sill die Oberfläche seziert, die Struktur offenlegt, sucht Laura Bruce die Geschichte dahinter. Beide Künstlerinnen fordern auf ihre Art dazu auf, weiter, tiefer zu schauen.