Die überfüllte Welt
// Michael Laurent
in Architecture as Metaphor, Hrsg. Griffin Gallery, London, 2017


"The ideal gallery subtracts from the artwork all cues that interfere with the fact that it is ‚art'. The work is isolated from everything that would detract us from its own evaluation of itself. This gives the space a presence possessed by other spaces where conventions are preserved through the repetition of a closed system of values. Some of the sanctity of the church, the formality of the courtroom, the mystique of the experimental laboratory joins with chic design to produce a unique chamber of esthetics. So powerful are the perceptual fields of force within this chamber that, once outside it, art can lapse into secular status."

Brian O'Doherty, Inside the White Cube



Der White Cube, dieser im beginnenden 20ten Jahrhundert als Labor gesetzte Raum der Selbstreflektivität, erlebte im Laufe seiner Geschichte einige ideologische Überformungen. Seit Beginn des neuen Jahrtausends ist das zentrale Phantasma das eines von allen Zumutungen der Warenförmigkeit gereinigten Raumes in der die letzte Transzendenz einer radikal durchökonomisierten Welt erfahrbar wird. Diese leeren weißen Zellen für die Kunst, von denen Brian O'Doherty in seiner grundlegenden Aufsatzsammlung Inside the White Cube schrieb sie seien geschlossene Systeme zwischen der Heiligkeit einer Kirche, der Formalität eines Gerichtssaales und dem Mystizismus eines experimentellem Labors, fungieren als idealer Raum für idealisierte Waren: Im traumatisch leeren Kern des White Cube fetischisiert sich das überhöhte (Kunst-) Objekt in seiner nicht vervielfältigbaren Einzigartigkeit.

Die Anzeigen im Artforum (ebenjener Zeitschrift in der O'Doherty seinen Grundlagentext zum White Cube in einer Folge von Essays 1976 veröffentlichte) welche Heidi Sill als Vorlage für ihre Serie cut (Artforum) dienen, zeigen entleere Räume zeitgenössischer Galerien. In einer Technik, die ihre Methode sowohl vom analytisch geprägten Vorgehen des Kubismus und der Collage, wie von den synthetischen und komplizierenden Faltungen des Raums im Barock entleiht, seziert die Künstlerin mit ihrem Skalpell die Abbildungen der Magazine, collagiert mittels Schnitten und durch Übereinanderlegungen die Raumansichten und erzeugt kristallisierte Objekte die mit dem Begriff der Collage nur unzureichend gefasst werden können.

Das Ergebnis sind Arbeiten die man als dekonstruierte Faltungen dieser so hochgradig ideologisierten White Cubes lesen kann, in denen konstruktiv anmutende Objekte als Platzhalter dienen und die Schnitte in den Wänden nur wieder den nächsten Raum, das nächste Spiel, einer Ökonomie des Ausschlusses öffnen.