Die Suche nach der Sicht ergänzt den Blick
// Stefan Schessl
Vortrag zur Ausstellung von
Simone Lanzenstiel, Heidi Sill, Susanne Starke
Artothek München, 2013


Der Wettstreit der Künste und die Frage nach ihrer Hierarchie kulminierte, ausgehend von den „artes liberales“ (die ja nicht Kunst in unserem Verständnis waren) in der Renaissance in der Frage, ob etwa die Malerei oder die Bildhauerei die wichtigere, wesentlichere oder bedeutsamere unter den Künsten sei. Entscheidend in dieser Debatte sind die zugrunde liegenden Kriterien.

Leonardo betrachtete die Bildhauerei (mit einem Seitenblick auf Donatello und Michelangelo) bekanntlich als niedere Tätigkeit und betont die Konsequenzen, die sich aus der unvermeidlichen handwerklichen Arbeit und körperlichen Anstrengung des Bildhauers ergeben, bei dem sich dann „der Schweiß mit Staub vermischt und in Schmutz verwandelt, sein Gesicht ganz verschmiert, so dass er wie ein Bäcker aussieht“ usw., während der Maler, in feine Gewänder getan, bei seiner Tätigkeit den Klängen eines Lautenspielers lauscht. Welche Art Maßstab begründet diese Darstellung?

So sehr es unhinterfragt war, dass die bildenden Künste sichtbare Gegenstände, seien es Figuren, Objekte oder Phänomene der Natur, darstellen sollten, war dennoch die „Erfindung“, die Schöpfung des Künstler-Autors das eigentliche Kriterium, d.h. eine Filterfunktion, die aus den sichtbaren Gegebenheiten (als solche wurden sie betrachtet) eine Idee oder ein Ideales herausfiltern oder destillieren sollte! Unter diesem Aspekt wurden z.B. Donatellos Experimente mit Gipsabdrücken und Abgüssen von vielen Zeitgenossen scheel angeschaut und als „nur“ handwerklich-reproduktiv disqualifiziert, weil hierbei die Erfindung oder Idee auf der Strecke blieb.

In der historischen Folge wurde dieser Medienstreit, also die Frage nach den „leading media“, weniger beantwortet als vielmehr aufgelöst. Aufgelöst vor allem in der theatralischen Inszenierung der Künste im Barock. Diese begegnet uns nicht nur in den Kirchen und Palästen, in der gegenreformatorischen „Rede, die zum Auge spricht“, sondern noch deutlicher in der Synthese aller Künste, der barocken Oper. Die Frage nach der Bedeutung des einzelnen Mediums tritt zurück hinter der dienenden Funktion der theatralischen Gesamtpräsentation. Anders gesagt, die leitende Kunstform des Barock war weder Skulptur noch Malerei, sondern das Theater und die Bühne (und auch die architektonischen Räume sind als solche zu verstehen). Die Bühne bildet den Schauplatz, auf dem die Kunst und ihre Kunstfiguren sich in Szene setzen.

Auf der anderen Seite steht der Betrachter. Das Bild, dessen Ausgangspunkt im Abendland das (Ab-)Bild des Gesichts darstellt, bildet eine Antwort auf den Blick des Betrachters (jeder Blick ist eine Frage...), verortet diesen Betrachter an der Stelle, wo diese Blicke, der vorgestellte des Bildes und der projektive des Betrachters, sich treffen, vor dem Bild also, aber weder ganz hier noch ganz dort. In der Erweiterung des Bildes als geöffnetes Fenster in einen imaginären Raum bleibt diese Verortung des Betrachters nicht nur erhalten, sie wird sogar noch verstärkt, denn gerade die Regeln der perspektivischen Darstellung gehen von der Blickfunktion des Betrachters aus und situieren ihn an einem idealen Betrachtungspunkt, von dem aus und nur von dem aus die illusionistische Konstruktion richtig ist. Dieser Punkt ist ein Symbol oder zumindest eine Analogie für den einen richtigen Ort, für den Ort in der Ordnung der Welt. Eine Abweichung von diesem Ort geht einher mit einer stärker werdenden Verzerrung, einer falschen Sicht* als „Strafe“ für den falschen Standpunkt.

In der Erzählung und dem Fortgang der Kunstgeschichte wird dieser richtige Standpunkt, der ideale Anschauungsort gegenüber dem Bild, der Kunst, in den meisten Fällen beibehalten. Das gilt selbst noch für den Großteil der nichtfigurativen, der sog. abstrakten Kunst, das gilt für Kino und Bildschirm ebenso wie für die Fotografie, die ja die Zentralperspektive sozusagen in die Kamera eingebaut hat.

Es gibt seltene Ausreißer, die etwas anderes im Auge haben – was sie im Auge haben, ist der Betrachter, und zwar der Betrachter in Bewegung. Dann wird der Betrachtungspunkt nicht mehr durch den Verweis auf eine höhere Ordnung definiert, sondern durch einen aufklärerischen Appell an eben diesen Betrachter, sich seinen Ort oder Standpunkt zu suchen, oder, noch deutlicher, erst gar keine Antwort zu erwarten und – einfach in Bewegung zu bleiben.

Hier passt ein Verweis auf Tiepolos Deckengemälde „Die vier Erdteile“ in der Würzburger Residenz, das nicht nur durch das Zusammenwirken und Ineinanderblenden von Malerei, Architektur und Skulptur unter Berücksichtigung der realen Lichtverhältnisse besticht, sondern vor allem, weil sich das Werk von einem Standpunkt aus überhaupt nicht erschließen lässt, sondern einen wandernden Betrachter mit schweifendem Blick voraussetzt, der weder vor Ehrfurcht erstarrt noch sich (zu sehr) auf die gegebene Ordnung verlässt. Einer solchen Emanzipation des Betrachters, oder genauer, seines Verhaltens, können wir öfter begegnen und zwar in allen Feldern der Kunst. In einer solch freundschaftlichen Einladung zeigt sich, dass die Gesamtschau im Prinzip zu einem unbeendbaren Prozess wird und zudem auch ein Gleiten des Blicks voraussetzt, was letztlich in eine hierarchiefreie Wahrnehmung des Spiels der Medien mündet oder münden soll.

Die Bühne stellt also einen Schauplatz dar, in und auf dem die Künste (oder Medien!) sich erst einmal begegnen. Jede der hier beteiligten Künstlerinnen betreibt in ihrem Werk eine Aufweichung oder Ausweitung des jeweiligen Mediums. Als wandernender Betrachter bin ich auf der Suche nach einer Sicht oder werde auf diese Suche geschickt. Wo der Blick aber hingreift – und er greift eher, als dass er fällt –, wird alles andere zum Hintergrund. So sind Hintergrund, Vordergrund, Objekt und Umfeld Effekte der Blickfunktion meines Auges reine Einstellungssache. In der Neufokussierung und der Bewegung werden die Zentren immer wieder verschoben und neu gebildet. Das Sehen aber, das für mich dem Blick entgegengesetzt ist, fasst zusammen, löst aber die kategoriale oder sprachliche Wahrnehmung auf, denn beim Sehen ist das Auge ein lichtempfindliches Häutchen, dem das Licht seine rieselnden Sensationen vermittelt. Jede Betonung des Sehens ist damit immer rezeptiver, pazifizierender Prozess einerseits, aber auch immer Kritik an der kategorialen Verwaltung der Welt, Kritik an der gegebenen Ordnung der Dinge. So ergänzt dieses Sehen den Blick nicht so sehr, als dass es ihn vielmehr unterläuft, untergräbt und tendenziell außer Kraft setzt.

So stellt sich die Frage nach einem verbindenden Band dieser Werke auf dieser Bühne, da doch jedes immer zugleich Zentrum und Peripherie, Objekt oder Hintergrund sein kann, je nachdem, wo ich mich als Betrachter gerade positioniere.

Gegebene Gewissheiten sind dem aufgeklärten Auge verloren, keine höhere Ordnung regelt die Hierarchie und keine höhere Ideen-Welt kann postuliert werden, geschweige denn, ich könnte sie überhaupt akzeptieren. Was den Betrachter emanzipiert und ihn damit auch in Bewegung versetzt und auf die Wanderschaft schickt, was das Gespräch der Künste auch ohne die Voraussetzung von Über- und Hinterwelten, gegebenen Ordnungen und Idealen ermöglicht, ist der Geist der Freundschaft.