drawing
collage
watercolour
nail polish
installation
wall painting + public art projects
exhibition views
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Tusche auf Wandfarbe, 1600 x 270 cm
Kreishandwerkerschaft Fürth, 2007

Wie wird aus Einzelnen eine Gruppe? Wie verbinden sich individuelle Standpunkte und Erfahrungen zu einer Körperschaft, die als Interessenvertretung all ihre Mitglieder repräsentiert?
Heidi Sills Wandarbeit Skins #3 beantwortet diese Fragen nicht, sondern verknüpft sie zu einem Vexierbild, das sich ständig neu wie ein Orakel befragen lässt. Die Silhouetten der porträtierten Handwerker und ihrer Werkzeuge fließen zu einem Fries zusammen, der nur noch eine Erinnerung an die physischen Individuen und bloß eine Vorahnung ihrer gemeinsamen Rolle als Amtsträger dokumentiert. Das Wandbild wird zu einer Kartographie der Gemeinsamkeit und ihrer ständigen Veränderbarkeit.
(Gerrit Gohlke)

Kunst im Bau - Sitzungssaal Kreishandwerkerschaft Fürth
Eröffnungsrede Thomas Heyden, 2007

Erlauben Sie mir, dass ich so beginne, wie man üblicherweise endet – mit einem Glückwunsch nämlich. Ich gratuliere der Kreishandwerkerschaft Fürth, zu diesem wunderbaren Kunstwerk! Einer konsequent zeitgenössischen Kunst von hoher Qualität. Ich gratuliere Ihnen zu diesem selbstbewussten Auftritt, der ganz ohne historisch kostümierte Handwerklichkeit auskommt.

Kann mir einer verraten, wieso viele mit dem Handwerk etwas Historisches, etwas Vergangenes, etwas Gestriges verbinden? Beruht dieses Phänomen tatsächlich auf wirtschaftsgeschichtlichen Fakten? Handwerk als Auslaufmodell, von der Industrie überholt und in den Schatten gestellt. Oder hat dies womöglich auch mit dem Selbstbild und der Selbstdarstellung des Handwerks zu tun? Prägen die wandernden Gesellen in ihrer traditionellen Kluft das Bild?

Egal woran es liegt, Sie zeigen ein Bild von Handwerk weit weg von allen Klischees. Und der Überraschungseffekt ist ein doppelter. Denn wer vermutet schon im ersten Stock des Hinterhauses im Hof zwischen Schnatzky und Staudt ein solches Kunstwerk!

Mitten in Fürth. Einer Stadt, die inzwischen als Denkmalsstadt firmiert, oder als Solarstadt. Genügend Gründe mag es für beides geben, doch schon mit der Wissenschaftsstadt wird für meinen Geschmack zu hoch gepokert. Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, die Kleeblattstadt auch noch zur Kunststadt zu erheben! Zwar schmückt sich Fürth gerne mit den vielen Künstlern, die hier aufgrund moderater Mieten leben, doch mit der Kunst selbst tut sich Fürth traditionell schwer.

Zugespitzt formuliert: Seit Rudolf Maisons Zentaurenbrunnen an einem regnerischen Tag im Jahre 1890 enthüllt wurde, konnte sich die „Stadt der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hämmergestampfes“, als die Jakob Wassermann Fürth treffend charakterisiert hat, mit keinem weiteren Kunstwerk von Rang mehr schmücken. Komme mir keiner mit dem Paradiesbrunnen auf der kleinen Freiheit oder dem Gauklerbrunnen am Grünen Markt. Und mir graut schon heute vor der Enthüllung des Mosaiks im U-Bahnhof Jakobinenstrasse. Doch zukünftig kann man die Verantwortlichen hierher schicken, in Ihren Seminarraum, und ihnen sagen: Da schaut her, so geht es auch!

So eine Rede wie heute habe ich noch nie halten dürfen. Da stehe ich vor einem 16 Meter langen Wandbild und gleichzeitig vor jenen Menschen, die aus dem Bild herausgetreten scheinen. Was soll ich Ihnen noch groß erzählen! Die meisten von Ihnen kennen Heidi Sill bereits und wissen wie die Künstlerin das Bild geschaffen hat. Für die wenigen, die hier nicht an der Wand verewigt wurden, möchte ich Heidi Sills Vorgehen kurz skizzieren.

Am Anfang war ein Fototermin, besser gesagt viele Fototermine. Rund 140 Mitglieder verschiedenster in der Kreishandwerkerschaft zusammengeschlossener Innungen wurden eingeladen und einzeln fotografiert. Mit den Attributen ihres Handwerks, meist Werkzeugen. Aber auch eine Satellitenschüssel ist darunter, der höchste Punkt des überlegensgroßen Figurenfrieses, empor gehalten von Herrn Schnatzky.

Heidi Sill hat mir die Fotos gezeigt: Sie sind viel zu schade, um in der Schublade zu verschwinden. Aufnahmen, die an den großen Fotokünstler August Sander denken lassen, der noch vor dem Ersten Weltkrieg mit seinem monumentalen Kulturwerk Menschen des 20. Jahrhunderts begonnen hat. Unter den sieben Gruppen, in die Sander die einzelnen Mappen ordnete, stehen die Handwerker nach dem Bauern an zweiter Stelle.

Ich würde sie Ihnen gerne zeigen, den glatzköpfigen Konditor mit Rührschüssel von 1928, den Berliner Tapezierermeister von 1929, dessen Barttracht der des Kaisers im holländischen Exil in nichts nachsteht, oder den Kölner Maurermeister von 1932, der die Hand mit der Kelle stolz auf einem fein säuberlich geschichteten Stapel Backsteinen ruhen lässt. Fast eine herrschaftliche Pose.
An Selbstbewusstsein scheint es den Handwerkern auch damals nicht gemangelt zu haben. Zusammen mit den Vertretern der Arbeiter, der Tagelöhner, der Händler, der Industriellen, der Soldaten und Offiziere, der Geistlichen, der Intellektuellen und Künstler entsteht ein ständisches Panorama in einer Zeit voller Umbrüche, Umwertungen und Katastrophen.

Auch Heidi Sill hat ein Zeitdokument geschaffen, auch wenn ihr dies vielleicht noch gar nicht bewusst ist und die Fotos streng genommen nur ein Nebenprodukt ihres Kunstwerks sind. In der Gegenüberstellung mit August Sanders Porträts wird er Wandel greifbar. Noch nicht einmal ein Jahrhundert ist vergangen, und doch scheinen bereits Welten zwischen den Handwerkern von einst und denen von heute zu liegen. Denn jener Stolz, der aus den Aufnahmen Sanders spricht, ist einem viel schärferen Bewusstsein von den ständischen Stufen der Gesellschaft geschuldet, einem Wissen um Oben und Unten.

Solche Gegensätze, die nicht aufgehört haben zu existieren, werden heute nicht nur durch Kleidung und Habitus eher verschleiert. Erinnern Sie sich nur an die Aufregung um den Begriff der Unterschicht. Freilich ist unsere Gesellschaft auch tatsächlich ein ganzes Stück egalitärer geworden seit den erwähnten Aufnahmen Sanders. Selbstbewusstsein artikuliert sich entsprechend weniger in Anlehnung an höhere Stände, als vielmehr in einem unverkrampften, lockeren Auftritt, dem es auch an Humor nicht gebricht.

Dies spricht zumindest aus den Fotos, die Heidi Sill als Grundlage für ihr Kunstwerk genommen hat. Und weil die Gesellschaft eine andere geworden ist, ist auch der Ansatz der Künstlerin ein grundsätzlich anderer. Sander ging es – mit den Worten Kurt Tucholskys – um „Menschen, die so sehr ihre Klasse, ihren Stand, ihre Kaste repräsentieren, dass das Individuum für die Gruppe genommen werden darf.“

Heidi Sill kehrt innerhalb der Gruppe der Handwerker das Individuum hervor Sie sucht nicht das Typische, sondern das Einzelne, Unverwechselbare. Zumindest so lange, wie es um die Fotografien geht. Denn schon im nächsten Arbeitsschritt verliert sich das Individuelle. Sie scannte die Fotos ein und reduzierte die Figuren auf deren Umrisslinien. Die Gesichter blieben ausgespart. Anschließend blendete sie die Silhouetten übereinander und ordnete sie zu einem Figurenfries.

Das klingt einfach, doch hier stellt sich ein entscheidendes künstlerisches Problem. Stellen Sie sich bitte vor, alle 140 Dargestellten wären gleichmäßig verteilt. Ich garantiere Ihnen, sie sähen einen einzigen Linienbrei. Der Kunstgriff besteht darin, dass Heidi Sill jeweils drei oder vier Figuren übereinander blendet und zur nächsten Gruppe einen Abstand lässt. So wird aus der großen Zahl eine überschaubare. Gleichzeitig wird der gesamte Figurenfries rhythmisiert. Was auf den ersten Blick wie eine Figur erscheint, löst sich erst bei genauerem Hinsehen in mehrere Figuren auf. Es ist diese Struktur, die den Eindruck einer starken, solidarischen Gemeinschaft sichert.

Und aus demselben Grund hat die Künstlerin den Liniendschungel an der einen oder anderen Stelle behutsam gelichtet. Hat Linien per Mausklick verschwinden lassen, hier ein Bein und dort einen Arm. Es klingt paradox, doch es ist so: Indem Heidi Sill weniger zeigt, als sie hätte zeigen können, zeigt sie letztlich mehr. Das nahezu Unmöglich ist ihr gelungen, nämlich eine Balance zu finden zwischen Verwirrung und Klarheit, Chaos und Ordnung.

Am lebendigsten ist der Fries in der mittleren Zone, dort also, wo die Werkzeuge Hinweise auf die dargestellten Handwerker geben. Köpfe und Beine sehen bei allen doch irgendwie gleich aus, selbst Männlein und Weiblein lassen sich nur schwer auseinander halten, doch die Werkzeuge unterscheiden sich stark. Da gibt es Äxte, Messer, Hobel, Winkelmaße und Leitern. Es ist ein Auf und Ab der Hände und Werkzeuge, ein Wogen und ein Ineinander, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht und den innersten Grund für diese verschworene Gemeinschaft offenbart: die Arbeit mit der Hand.

Und damit die Hände Hände blieben, mussten die Fingernägel mitgezeichnet werden. Wir haben im Neuen Museum in Nürnberg vier wunderschöne kleine Zeichnungen von Eduardo Chillida, dem spanischen Bildhauer. Sie zeigen Hände, die den Raum zu greifen scheinen, extrem reduziert auf wenige Linien. Doch auch Chillida braucht die Nägel, um die Finger ausreichend kennzeichnen zu können, um Oben und Unten, Vorne und Hinten zu vermitteln. Man möge Heidi Sill deshalb diese und andere kleinen Abweichungen von der strengen Silhouette verzeihen.

Als dann im Rechner aus den vielen einzelnen Bilddateien die große Zeichnung gewonnen war, konnte Heidi Sill daran gehen, mithilfe eines Beamers die Zeichnung auf die Wand zu übertragen. Abschnitt für Abschnitt zeichnete sie mit schwarzen Tuschestiften nach, was der Beamer auf die Wand projizierte. Ich hüte mich in diesem Kreis, diesen Arbeitsschritt als „bloßes Handwerk“ zu bezeichnen, und resümiere lieber, was da nun eigentlich passiert ist: Aus vielen Fotos wurde eine Wandzeichnung.

Ich wäre kein Kunsthistoriker, müsste ich nicht sofort wieder an einen berühmten Präzedenzfall denken. Diesmal entführe ich Sie noch weiter zurück in die Vergangenheit, nämlich in die frühen Tage der Fotografie, genauer in die Jahre 1843 und folgende.
David Octavius Hill war ein schottischer Landschaftsmaler. Wie viele seiner Zeitgenossen bewegte ihn die Gründung der schottischen Freikirche in eben jenem Jahr 1843. Er beschloss, die historische Versammlung in einem Monumentalgemälde festzuhalten. Er, der nie zuvor ein Porträt gemalt hatte. Robert Adamson, der kurz zuvor im Rock House am Calton Hill in Edinburgh ein fotografisches Porträtatelier eröffnet hatte, half Hill aus der Patsche. Einzeln oder in Gruppen fotografierte Adamson die Freikirchler der ersten Stunde, so wie sie Hill in Positur brachte. Die Aufnahmen, die so entstanden, zähen zu den Höhepunkten der Fotografie des 19. Jahrhunderts. Das große Gemälde dagegen, das Hill nach 23jähriger Arbeit 1866 endlich fertig stellte, ist heute nur noch eine Fußnote der Kunstgeschichte.

Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Weil die Parallelen bestechend sind. Es geht in beiden Fällen um die Darstellung einer großen Gruppe von Menschen. In beiden Fällen bedienen sich die Künstler der Unterstützung durch einen Fotografen. Aus vielen einzelnen Fotos generieren sie ein zusammenhängendes Bild. Hill malte ein Tafelbild, das bis heute in der Presbytery Hall in Edinburgh hängt, Sill zeichnet auf die Wand. Doch Hills Gemälde ist trotz allen Aufwands kein gelungenes Kunstwerk. Es bleibt weit hinter den fotografischen Vorstudien zurück.

Das Entstehen der Fotografie stellte die bildende Kunst vor die Notwendigkeit, mehr zu bieten als Porträtähnlichkeit. Das konnte der Fotoapparat nämlich besser. Und mehr als ein dichtes Kopf-an-Kopf, damit ja niemand fehlt, fiel Hill darüber hinaus nicht ein. Zuwenig für ein gutes Kunstwerk.

Anders in unserem Fall. Heidi Sills Kunstwerk behauptet sich souverän gegenüber seinen fotografischen Vorstudien. Es verwandelt sie in etwas völlig Anderes, das im Medium der Zeichnung Bestand hat. Doch gleichzeitig durch die höchst artifizielle Überlagerung zahlloser Umrisslinien nicht verleugnet, dass die Fotoapparat und der Rechner als Hilfsmittel benutzt wurden. Es ist die Ästhetik des Wireframes, des Drahtgittermodells. Dies ist genau jenes ästhetische Plus und gleichzeitig Bekenntnis zur Gegenwart, an dem es Hills Kirchengründungsbild mangelt.

Hill bringt die Fotographie nur motivisch ein, indem er mitten in der Menschenmenge Adamson zeigt, wie er am Objektiv seiner Plattenkamera dreht. Dahinter Hill selbst mit Skizzenblock. Womit wir bei der letzten Parallele zu Heidi Sills Wandbild wären. Denn auch sie hat sich in ihr Kunstwerk eingeschlichen. Sie erkennen sie an der empor gestreckten Faust. Ein Zeichen des Triumphes. Und sie darf sich wirklich freuen, denn sie hat hier eine bestechende Arbeit abgeliefert!