MIND SHAPES - von Köpfen, die dazwischen sind

an exhibition concept by Martin F. Theiss
Alte Feuerwache Berlin, 2026


Der Kopf ist ein universelles Thema, das in der Alltagskultur durch Redewendungen im kollektiven Gedächtnis verankert ist. In einer Zeit, in der vieles offenbar in Unordnung geraten ist, regt das Projekt nicht nur zum Nachdenken über eine andere Ordnung an, sondern auch über noch nicht existierende Gesellschaftsbilder und stellt bestehende infrage. Die Redewendung „Die Welt steht Kopf” beschreibt eine Situation, in der die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Eine kopflos gewordene Zeit ist hingegen keine gängige Redewendung, sondern eine metaphorische Beschreibung für eine chaotische, unstrukturierte oder orientierungslose Zeit, in der es an Plan, Zusammenhang oder Kontrolle mangelt. Der Ausdruck kann sich auf eine Neuordnung beziehen, die folgt, wenn sich die Dinge überstürzen. Ähnlich wie eine Person, die „kopflos“ handelt: Zeit den Kopf freier zu bekommen und sich in einer „verdrehten“ Gegenwart über den Kopf hinaus zu beschäftigen.

"Denn es ist nicht genug, einen guten Kopf zu haben; die Hauptsache ist, ihn richtig anzuwenden". René Descartes.

Der menschliche Kopf ist seit jeher ein zentrales Bildmotiv in der Kunst – vor allem in der Bildhauerei – und steht dabei zwischen Ausdrucksstärke und mehrdeutiger Rolle. Die Faszination dafür mag darin begründet sein, dass wir Menschen den Kopf als zentrales Merkmal des Geistes, der Sinne und vor allem unseres Selbst empfinden. Anders als bei den bisher vertrauten figurativen, meist antiken Kopfbüsten, die später von der Moderne befreit wurden oder den malerischen und fotografischen Porträtbilder von Menschen in bestimmten Situationen collagieren, digitalisieren, abstrahieren oder fragmentieren die Künstlerinnen in der Ausstellung M I N D  S H A P E S den Kopf, schauen dahinter, verdecken oder verfremden sein Antlitz – oszillieren zwischen abstrakten, geometrischen Formen und einem figurativen Objekt. Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels hat sich in etlichen Bereichen eine Transformation vollzogen. Während die Antikenrezeption bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts noch von melancholisch anmutenden Gipsabgüssen von Götterköpfen und der damit untergegangenen klassischen Kultur geprägt war – vor allem bei den der Arte Povera zuzuordnenden Künstlern –, hat sich die Aneignung antiker „Vorbilder” inzwischen verändert. Später und auch heute hat sich das auf sich selbst bezogene Werk oder reproduzierte Abbild formal zugunsten authentischer und existenzieller Erzählungen sowie einer verstärkten persönlichen Auseinandersetzung mit Alltagsrealitäten gewandelt. Vor allem das dialogische Moment ist ein wesentlicher Aspekt nicht nur des (fotografischen) Porträts. Es wird gesagt, es sei ein Bild eines Menschen, der weiß, dass er abgebildet wird. Der Blick in die Kamera ist auch eine Selbstbefragung und wird zugleich zum imaginären Spiegel. Auch wir als Betrachter:innen erkennen uns in diesem abgebildeten Augenblick wieder. Dieser direkte Blickwechsel, mit dem sonst die (Selbst-)Betrachtung beginnt, verändert sich durch die Verkleidung des Gesichts. Maskerade als Strategie der Inszenierung von Geschlechteridentitäten – zwischen Zeigen und Verbergen?

Immer wieder Köpfe – die Künstlerinnen der Ausstellung M I N D S H A P E S finden für den Kopf ungewohnte Ausdrucksformen. Diese erinnern nur auf den ersten Blick an die Metamorphosen seiner Kultur- und Kunstgeschichte und damit an die Ikonografie von Material und Form im Wandel gesellschaftlicher Konstruktionen. Das immer wiederkehrende dialogische Verhältnis wird durch die künstlerischen Medien verändert, aufgelöst, ausgelöscht und neu zusammengesetzt. So wird die Welt wieder eine andere und spiegelt mit ihren „Köpfen” möglicherweise auch zukünftige Sichtweisen wider. In gewisser Weise bleiben sie noch rätselhaft. Vielmehr werden neue imaginäre Spuren hinterlassen, die nicht nur im Kopf weiter gedacht und nicht unwiderruflich festgehalten werden. Portrait- und Gender-Narrative verschieben - ja erweitern - den gewohnten Blick und unsere Sehgewohnheiten.

Die Natur des Menschen hat sich in vielerlei Hinsicht verändert – und damit auch die conditio humana. Lange stellte sich die Frage: Was passiert in den Köpfen? Der Philosoph David Weinberger sagt, Wissen sei nicht mehr in den Köpfen, sondern zwischen den Köpfen. Dort öffnen sich Räume, die (noch) von Verborgenem erzählen. Einige der ausgestellten Köpfe scheinen leise zu rebellieren, während andere selbstbewusst Fragen nach Geschlechterkonstruktionen stellen und klassische Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit hinterfragen. Über allen Kopfformen schwebt auf vielfältige Weise der Gedanke der Freiheit – den Kopf (ver)drehen in einer Welt, die auf dem Kopf steht. Manche davon scheinen sich hinter der Maskerade aus bisher historisierend erscheinenden Zusammenhängen selbst gelöst zu haben. Dadurch entlarven sie nicht nur bisherige gesellschaftliche Konventionen, sondern sie schaffen auch neue (kollektive) Gesellschaftsbilder in zunehmend kopfloseren Zeiten.

„Eine Maske verrät uns mehr als ein Gesicht“, Oscar Wilde

Mit Zeichnungen und Collagen, die im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit stehen, beschäftigt sich Heidi Sill, mit dem Phänomen der Oberfläche, den Einschreibungen und der äußeren Erscheinung, die uns vor allem aus medialen Bildern vertraut sind. Doch was liegt darunter? Sill verbildlicht Verletzungen und Spuren und macht Dinge sichtbar. Sie zeichnet, um etwas freizulegen. Die farbigen und teilweise maskenhaft wirkenden Tuschezeichnungen sind für die Künstlerin „Vorbilder weiblicher Transgression“. Das Leben und die feministische Haltung der dargestellten Frauen waren zu allen Zeiten geprägt von gesellschaftlichem Wandel, körperlichen Grenzüberschreitungen und identitätsstiftender Vielfalt. Die gezeichnete Linie dient dabei als Mittel zur Vergegenwärtigung der Porträts. Die Struktur der Haare wiederholt sich im Gesicht und wird so zu einem irritierenden und spekulativen Motiv: Handelt es sich um eine chirurgische Freilegung der Gesichtsmuskulatur, eine medizinische Rekonstruktion oder eine rituelle Tätowierung?

MIND SHAPES - about heads in between

The head is a universal theme anchored in everyday culture through idioms etched in our collective memory. At a time when many things seem to have fallen into disarray, the project encourages us to consider an alternative order and images of society that do not yet exist, while also calling existing ones into question. The expression 'the world is upside down' describes a situation in which things are not as they should be. Conversely, 'a headless time' is not a common expression; it is a metaphorical description of a chaotic, unstructured or disorientated period characterised by a lack of planning, coherence or control. This expression can also refer to a reorganisation that follows when things are rushed. It is similar to a person acting 'headless': It is time to clear our heads and get busy in a 'twisted' present beyond our thoughts.

‘For it is not enough to have a good head; the main thing is to use it correctly’. René Descartes.

The human head has always been a central motif in art, particularly in sculpture, representing a balance between expressiveness and ambiguity. This fascination may be because we perceive the head as central to the mind, the senses and, above all, ourselves. Unlike the figurative head busts that were popular in the past, which were later liberated by modernism, and the painterly and photographic portraits of people in certain situations, the artists in the     M I N D S H A P E S exhibition use collage, digitisation, abstraction and fragmentation to depict the head. They look behind it, obscure or alienate its face, and oscillate between abstract, geometric forms and figurative objects. In the course of social change, a transformation has taken place in a number of areas. While the reception of antiquity until the 1990s was characterised by melancholy plaster casts of gods' heads and classical culture, especially among Arte Povera artists, the appropriation of ancient 'models' has since changed. Later, and even today, there has been a shift in favour of authentic and existential narratives, as well as an intensified personal examination of everyday realities, in the realm of self-referential work or reproduced images. Above all, dialogue is an essential aspect of the photographic portrait. It is a picture of a person who knows they are being portrayed. Looking into the camera is a form of self-interrogation, and simultaneously becomes an imaginary mirror. As viewers, we recognise ourselves in the depicted moment. The direct change of gaze with which (self-)observation usually begins is altered by the face being disguised. Is masquerade a strategy for staging gender identities, balancing showing and concealing?

The artists in the M I N D S H A P E S exhibition find unusual forms of expression for the head, exploring it again and again. At first glance, these recall the metamorphoses of cultural and artistic history, and thus the iconography of material and form in the transformation of social constructions. The artistic media change, dissolve, erase and reassemble the recurring dialogue relationship. In this way, the world becomes different again, and the 'heads' may reflect future perspectives. In a sense, they remain enigmatic. New imaginary traces are created that exist not only in the mind but also in the physical world. Portrait and gender narratives shift – indeed, they expand – the usual view and our viewing habits.

Human nature has changed in many ways, as has the human condition. The question has long been: what goes on in our minds? According to philosopher David Weinberger knowledge is no longer in our heads, but between our heads. Spaces open up that tell of hidden things. Some of the exhibited heads appear to quietly rebel, while others confidently pose questions about gender constructions, scrutinising classic notions of femininity and masculinity. The idea of freedom hovers over all the head shapes in various ways, offering a new perspective on an upside-down world. Some of them seem to have detached themselves from previously historicised contexts, revealing themselves behind the masquerade. By doing so, they expose previous social conventions and create new collective images of society in an era where the concept of a head is becoming increasingly irrelevant.

‘A mask tells us more than a face’.
Oscar Wilde.

Heidi Sill's artistic work centres on drawings and collages, through which she explores the concept of the surface, inscriptions and outer appearance, with which we are most familiar from media images. But what lies beneath? Sill visualises injuries and traces, making things visible. She draws to reveal something. For the artist, these colourful, sometimes mask-like ink drawings are 'models of female transgression'. The lives and feminist attitudes of the women depicted have always been characterised by social change, physical transgression, and identity-forming diversity. The drawn line serves as a means of visualising the portraits. The structure of the hair is repeated on the face, becoming an irritating and speculative motif. Is it a surgical exposure of the facial muscles, a medical reconstruction, or a ritual tattoo?