Ich zeichne um etwas freizulegen

Interview von Kito Nedo
im Auftrag der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf
im Rahmen der Virtual Residency 2020

 

Die Berliner Künstlerin Heidi Sill produziert Tuschezeichnungen, Collagen und Installationen. Die diesjährige Stipendiatin der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf wurde 1963 in Fürth/Bayern geboren und studierte an der Kunstakademie in Nürnberg und dem Institut des Hautes Etudes en Arts Plastiques in Paris. Nach mehreren Jahren in Paris lebt Sill seit 2003 in Berlin. Die Künstlerin hat sich in verschiedenen Kontexten aktiv für die sozialen Belange von Künstler*innen eingesetzt, so etwa in der Initiative Haben und Brauchen oder dem berufsverband bildender künstler*innen – bbk berlin in dessen Vorstand sie aktuell als Sprecherin tätig ist. Anfang Juni sprachen der Berliner Kunstkritiker Kito Nedo und Sill über die Bedeutsamkeit von Oberflächen für ihr künstlerisches Werk, Gemeinsamkeiten von Hanna Wilke, Carolee Schneemann und Bettina von Arnim sowie die Auswirkungen der Coronakrise auf die Kunstszene.

Heidi Sill, im Rahmen des Stipendiums der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf setzen Sie ihre Serie "Vorbilder weiblicher Transgression" fort. Wo liegen die Anfänge dieser Serie?

Die Serie hat ihren Ursprung in meiner Beschäftigung mit medialen Bildern, wie man sie etwa in Zeitschriften oder im Netz findet. Die Auseinandersetzung mit der Oberfläche steckt aber in allen meiner Arbeiten. Oberflächen sind Grenzflächen. Sie liefern den Blick auf das Darunterliegende als Interpretationsfläche gleich mit und verweisen damit auch auf etwas Abwesendes. Dieser duale Charakter der Oberfläche gleicht einer Art Maske.

Inwiefern?

Das Verborgene wird als interessant eingestuft, weil das vermeintlich ‚Tiefe' gebraucht wird, um das ‚Ganze' betrachten zu können. Bereits Goethe sagte: "Die menschliche Gestalt kann nicht bloß durch das Beschauen ihrer Oberfläche begriffen werden, man muss ihr Inneres entblößen." In dieser Denktradition heißt das auch: Die Schale wird zertrümmert, um an den Kern zu kommen. Der Medienphilosoph Vilém Flusser hingegen veröffentlichte in den Achtzigern ein Lob der Oberflächlichkeit in dem er in Hinsicht auf die Bildschirm-Medien die Manifestation aller wesentlichen Informationen bereits auf der Oberfläche feststellt. Dieses Spannungsfeld in der Auseinandersetzung mit dem Thema ist für meine Arbeit zentral.

Der Begriff "Transgression" lässt sich unter anderem als "Überschreitung" übersetzen. Zielen Sie damit sowohl auf die Form als auch auf den Inhalt?

Mit diesen Zeichnungen stelle ich Frauen in Mittelpunkt, deren Lebensläufe Brüche, Provokationen und Übertretungen aufzeigen. Es sind Frauen, die mich aufgrund ihrer künstlerischen Arbeit oder als Personen interessieren. Anders als bei den Collagen benutze ich keinen Cutter, sondern einen Stift, der dennoch dazu dient, etwas freizulegen. Hinter den von mir gezeichneten Gesichtern werden Formen sichtbar, die stark an Muskelstränge erinnern, aber keineswegs anatomischen Gesetzen folgen. Dennoch haftet diesen Zeichnungen eine bestimmte körperliche Härte an, weil man beim Betrachten doch an Haut und darunterliegendes Gewebe denkt.

Das spekulative Spiel setzt sich in den Bildtiteln fort.

Die Zeichnungen basieren auf realen Vorlagen. Aber es soll auch auf der spekulativen Ebene funktionieren. Hannah etwa nimmt Bezug auf die feministische Künstlerin Hanna Wilke. Für ihre Performances benutzte Wilke ihren eigenen Körper und setzte Kaugummi als Material ein. Das sieht man auch bei dieser Zeichnung. Die Kügelchen wirken wie Geschwüre auf dem Gesicht. Mit Kaugummi als Material hat sie eine ganze Serie von Selbstportraits produziert, in der sie bestimmte Klischees von Frauen nachstellt: Cowgirl oder Model. Ein anderes Bild bezieht sich auf Carolee Schneemann, die in ihren Performances die gesellschaftlichen Diskurse über Körperlichkeit, Sexualität und Geschlechterrollen thematisierte.

Schneemann und Wilke sind moderne, zeitgenössische Figuren. Bettina von Arnim gilt hingegen als Vertreterin der Romantik. Was interessiert Sie an dieser Schriftstellerin und Komponistin?

Bettina von Arnim war sehr an gesellschaftspolitischen Fragen interessiert und mischte sich ganz selbstverständlich in öffentliche Debatten ein. So kämpfte sie etwa gegen Antisemitismus und setzte sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein. Die soziale Gerechtigkeit und die politische Gleichstellung der Frauen waren ihre Anliegen. Das war zu ihrer Zeit nicht nur ungewöhnlich, sondern geradezu revolutionär. 1835, drei Jahre nach Goethes Tod erschien ihr Debüt Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Für diesen Briefroman griff sie einerseits auf ihren tatsächlichen Briefwechsel mit Goethe zurück, bediente sich aber auch der romantischen Poetik. Das führte zu Fälschungsvorwürfen gegen sie. All diese Dinge fand ich sehr interessant. Insofern ist Bettina von Arnim eine Frau, die in meine Reihe passt.

Aufgrund der Corona-Pandemie ist 2020 alles anders. Wie sieht Ihr Alltag als Wiepersdorf-Stipendiatin konkret aus?

Ursprünglich hatte ich vor, mich in der Schloss-Bibliothek intensiv mit dem Werk Bettina von Arnims auseinanderzusetzen und dort vor Ort nach Bildern und Texten zu suchen. Dies ist aufgrund der gegenwärtigen Lage leider so nicht machbar. Die Begegnung mit den anderen Stipendiatinnen aus verschiedenen Bereichen ist in den virtuellen Raum verlegt worden. Dort tauschen wir uns in Zoom-Konferenzen aus. Aber natürlich fehlt die unmittelbare, auch körperliche Kommunikation, die entsteht, wenn man wirklich drei Monate jeden Tag zusammensitzt, miteinander isst und im Garten sitzt. Das wäre sicher etwas anderes als unsere jetzigen Begegnungen im Netz.

Seit 2016 sind Sie Co-Sprecherin des Vorstands des berufsverband bildender künstler*innen berlin (bbk berlin), der rund 2.400 Mitglieder zählt. Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf die Kunstszene generell?

Die Kultur- und Kunstszene wird gerade hart getroffen: Alle Ausstellungen wurden zunächst geschlossen, vieles verschoben oder ganz abgesagt. Seit Anfang März beschäftigen wir uns damit, wie wir den Künstler*innen helfen können, etwa durch intensive Lobbyarbeit bei der Politik. Das hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass es in Berlin eine frühe und unbürokratische Soforthilfe für Künstler*innen gab.

Mittlerweile sind viele Ausstellungen wieder geöffnet.

Das stimmt, aber es gibt keine Vernissagen mehr. Da fehlt natürlich die direkte Kommunikation, der Austausch und Diskurs, den man braucht. Längerfristig liegen viele Projekte auf Eis. Bis man wieder ins Theater gehen kann oder bis man wieder Ausstellungen machen kann wie früher wird es gewiss noch einige Zeit dauern. Jetzt gilt es zu verhindern, dass Kunst und Kultur auf das Abstellgleis geraten, etwa indem freiberufliche Künstler*innen aufgrund fehlender Bundes-Hilfsprogramme in die Sozialfürsorge, sprich Hartz IV geschickt werden. Da müssen wir natürlich auch weiterhin helfen und der Kunst den Rücken stärken.

The interview was conducted by Kito Nedo on behalf of the Cultural Foundation Schloss Wiepersdorf as part of the Virtual Residency 2020 Program (translated by Zaia Alexander)

The Berlin-based artist Heidi Sill produces works in a variety of media including: ink drawings, collages and installations. This year's Cultural Foundation Schloss Wiepersdorf Fellow was born 1963 in Fürth/Bavaria and studied at the Kunstakademie Nuremberg and the Institut des Hautes Etudes en Arts Plastiques in Paris. After spending several years in Paris, Sill has been living in Berlin since 2003. The artist is involved in programs that support artists' concerns. She is associated with the initiative Haben und Brauchen (to have and to need) and the Professional Association of Visual Artists - bbk berlin, where she serves as a board member and spokesperson. At the beginning of June, the Berlin-based art critic Kito Nedo and Sill discussed the significance of surfaces in her artwork, what she has in common with Hanna Wilke, Carolee Schneemann and Bettina von Arnim, and the effects of the corona crisis on the art scene.

Heidi Sill, as a Cultural Foundation Schloss Wiepersdorf Fellow, you are continuing your series of works: "Role models of female transgression". How did this series get started?

The series stemmed from my ongoing study of media images, such as those we see in magazines or on the Internet. The exploration of surfaces, however, is a constant in all of my works. Surfaces are interfaces. They provide a view of what lies below the surface, as a surface in itself that is interpreted, which also points to something that is absent. This dual character of the surface resembles a kind of mask.

In what way?

The hidden is classified as interesting because an alleged "depth" is needed to observe the "whole." Goethe wrote: "The human form cannot be grasped merely by looking at its surface, one must expose its inner being." This tradition of thought also means: the shell must be smashed in order to reach the core. By contrast, the media philosopher Vilém Flusser had published a work in the eighties entitled: Praise of Superficiality. In terms of screen media, he wrote: the manifestation of all essential information is located on the surface. These opposing standpoints on the subject are central to my work.

The term "Überschreitung" can be translated among other things as "transgression". Is that the aim of your work, in terms of both form and content?

In these drawings that focus on women, I am highlighting the ruptures, provocations and transgressions that they experienced in their lifetimes. They are women who interest me either because of their artistic work, or that I find interesting as people. In contrast to the collages, I don't use a cutter, I work with a pencil, which also exposes something. Behind the faces I have drawn, forms become visible, they powerfully resemble strands of muscle, but in no way do they follow the laws of anatomy. Nonetheless, a certain physical hardness coheres to these drawings, the viewer can't help but think of skin and the underlying tissue.

The titles of the images continue the game of speculation.

The drawings are based on real models. But it should also work on a speculative level. Hannah, for example, refers to the feminist artist Hanna Wilke. Wilke used her own body and used chewing gum as material for her performances. You can also see that in this drawing. The tiny blobs look as if she has boils on her face. Using chewing gum as a material, she had produced an entire series of self-portraits in which she reenacts certain clichés of women: cowgirl or model. Another image refers to Carolee Schneemann, who in her performances addressed social discourses on physicality, sexuality, and gender roles.

Schneemann and Wilke are modern, contemporary figures. Bettina von Arnim, on the other hand, is considered a representative of the Romantic period. What interests you about this writer and composer?

Bettina von Arnim was very interested in socio-political issues and, as a matter of course, routinely engaged in public debates. For example, she fought against anti-Semitism and advocated the abolition of the death penalty. She was deeply concerned about social justice and political equality for women. This was not only unusual for the era in which she lived, but downright revolutionary. In 1835, three years after Goethe's death, she published her debut Goethe's Correspondence with a Child. For this epistolary novel, she drew on her actual correspondence with Goethe, but also drew on the poetics of romanticism. This led to critics accusing her of fraud. I found all these things very interesting. In this respect, Bettina von Arnim is a woman who fits perfectly into my series.

Due to the Corona pandemic everything is different in 2020. What does your everyday life as a Wiepersdorf Fellow look like concretely?

Originally, I had planned to intensively study Bettina von Arnim's work in the castle library and search for images and texts on location. Unfortunately, this has not been possible due to the current situation. The encounter with the other fellows from various fields has been moved into virtual space. We exchange ideas in zoom-conferences. But, of course, we are lacking a direct and also physical communication that arises when you genuinely sit together every day for three months, eat together or hang out in the garden. That would certainly look a lot different than our current encounters on the net.

Since 2016, you have been on the board of the Professional Association of Visual Artists - bbk berlin, which has around 2,400 members, and you also serve as their co-spokesperson. How has the corona crisis effected the art scene in general?

The culture and art scene has been hit hard: All exhibitions were closed temporarily, many of them have been postponed or cancelled. Since the beginning of March, we have been working on ways we can help the artists, for example, through intensive lobbying of politicians. This has certainly contributed to the fact that they came up with an early and unbureaucratic emergency aid package for artists in Berlin.

Many exhibitions have opened again in the meantime.

That's true, but there are no more art openings. What's missing is direct communication, dialogue, and the various forms of discourse that artists need. Many projects have been put on hold, until further notice. It will certainly be some time before you can go back to the theater, or before exhibitions can be organized. It is crucial that we prevent art and culture from being sidelined, for example, by forcing freelance artists to seek social welfare, i.e. Hartz IV, due to the lack of federal aid programs. Of course, we must continue to support art and artists in this regard.